Unmittelbar nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 schien es, dass sich alles verändert hatte und nie wieder so sein würde wie zuvor. Als Polen, das von einer ausgesprochen flüchtlingsfeindlichen Regierung geführt wird, seine Tore für Millionen von Menschen öffnete, ließen viele Europäer*innen alles stehen und liegen, um an die Grenze zu gehen und als freiwillige Helfer*innen tätig zu werden. Die Solidarität mit der Ukraine war überwältigend. Sie gab Hoffnung.

Das Gleiche galt für die Ukrainer*innen. Die existenzielle Bedrohung und der daraus resultierende Effekt, sich um die Fahne zu sammeln führten zu einem noch nie dagewesenen Grad an sozialem Zusammenhalt, der bei der Vielfalt der historischen Entwicklung, der Sprachen, der ethnischen und religiösen Identitäten und der politischen Unterschiede in der Ukraine zuvor unvorstellbar war. Zum ersten Mal schien es, als ob alle die gleichen Erfahrungen machten und ihre Herzen und Köpfe für andere öffneten: Westliche Städte wie Lwiw nahmen Geflüchtete aus dem Südosten auf; Stadtbewohner*innen flohen in Dörfer; die Jungen lebten mit den Alten in sichereren Regionen. Reiche und Arme, Arbeiter*innen und Intelligenzler*innen, Christ*innen, Muslim*innen, Jüdinnen und Juden, Russisch und Ukrainisch Sprechende – alle landeten Schulter an Schulter in den Schützengräben oder Schutzräumen, als das Sperrfeuer der russischen Raketen wahllos drohte. Es schien, als gehörten die alten sozialen Teilungen der Vergangenheit an.

Heute sieht es jedoch so aus, als ob all diese Auswirkungen nur von kurzer Dauer waren. Je länger der Krieg andauert, desto vielfältiger sind die Erfahrungen und desto ungleichmäßiger sind seine Folgen, die zu neuen Spaltungen und sozialen Hierarchien führen. Es haben sich drei große Gruppen herausgebildet: diejenigen, die in der Armee dienen, diejenigen, die geblieben sind, und diejenigen, die gegangen sind. Die Beziehungen zwischen diesen Gruppen und zunehmend auch innerhalb jeder Gruppe sind von Spannungen und Beurteilungen gekennzeichnet.

Verständnislücken aufgrund unterschiedlicher Kriegserfahrungen, gepaart mit der hohen emotionalen Belastung, der körperlichen Erschöpfung und der allgemeinen Beanspruchung der Menschen, haben im Laufe der Zeit zu sozialen Spannungen geführt und bestimmte Kluften vertieft. Das ‚Sammeln um die Fahne‘ – nicht nur zur Unterstützung der Regierung, sondern auch für die zwischenmenschliche Solidarität – kann nicht ewig aufrechterhalten werden. Und der Zerfall des sozialen Zusammenhalts begann in der Diaspora früher als in der ukrainischen Gesellschaft – theoretisch, weil es keine unmittelbare Bedrohung gab.

Da ich sowohl vor als auch nach dem Beginn der Invasion selbst Migrantin war, weiß ich, wie sich die Wahrnehmung der ausgewanderten Ukrainer*innen im Laufe der Zeit verändert hat. Von allen Ländern hat Polen, wo ich meine Forschung über ukrainische Erfahrungen im Ausland durchgeführt habe, die meisten Ukrainer*innen aufgenommen: mindestens 1,3 Millionen von 2014 bis 2021. Diese Zahl hat sich 2022 verdoppelt. Die Befragung von Arbeitsmigrant*innen aus der Ukraine im Jahr 2021 und erneut Ende 2022 zeigte, dass die Ressentiments zunehmen; die Prozesse der Auswanderung und der Aufnahme sowie ihre Bedeutung waren für die ehemaligen Arbeitsmigrant*innen der vergangenen Jahre und die neu angekommenen Geflüchteten sehr unterschiedlich.

Demonstration in Prag, April 2022. Bild mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Die unterschätzte Rolle der Diaspora

Auch wenn die anfängliche Massenmobilisierung nach einigen Monaten nachließ, darf die Rolle der bestehenden ukrainischen Diaspora bei der Bewältigung der Krise nicht unterschätzt werden. Die Netzwerke der Migrant*innen stellten den entscheidenden Faktor für die herzliche Aufnahme einer so großen Zahl von Ukrainer*innen, die vor dem Krieg flohen, dar. Wie die ukrainische Migrationsforscherin Olena Fedyuk zusammenfasst: Wenn wir uns die Statistiken des UN-Flüchtlingshilfswerks ansehen, spiegelt die Zahl der Menschen, die in ein Land gekommen sind, oft die Zahl der Arbeitsmigrant*innen wider, die es in diesem Land bereits gab. Sie weist ferner darauf hin: Arbeitsmigrant*innen, die oft als unpolitisch dargestellt werden, haben eine enorme Rolle bei der Förderung dieser Mobilität gespielt. Ja, Europa hat die Grenzen geöffnet, und viele lokale Initiativen haben erste Hilfe geleistet, Katastrophenhilfe. Den größten finanziellen, sozialen und moralischen Druck bekamen aber wirklich die bestehenden Netzwerke von Arbeitsmigrant*innen zu spüren. Sowohl die Statistiken als auch die Antworten aus den Interviews, die ich erhielt, bestätigen dies für Polen.

Seitdem [24.02.2022] habe ich nicht mehr allein in meinem Bett geschlafen. Es kamen immer ein paar Freund*innen auf der Durchreise, und dann kam meine Mutter. (Anna, eine ukrainische Anwältin in Krakau).

Ausnahmslos alle Befragten aus der bestehenden Diaspora waren auf die eine oder andere Weise aktiv; jede(r) hatte Familie oder Freund*innen, die die Ukraine wegen der umfassenden Invasion verlassen hatten. Auf die Frage, was die Geflüchteten bei der Wahl ihres Ziellandes geleitet hat, war die häufigste Antwort, dass sie in diesem Land Familie haben. Dann kam es zu einem Schneeballeffekt, der im Jahr 2022 zu festen Migrationsmustern führte. Und wenn die größte Last auf Einzelpersonen ohne ausreichende institutionelle Unterstützung gelegt wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich Spannungen aufbauen.

Geflüchtete unter Verdacht

Verschiedene Gruppen urteilen gleichzeitig über die ukrainischen Geflüchteten: die Aufnahmegesellschaften sind erschöpft, die erschöpften Menschen in der Heimat, manchmal auch die Familienangehörigen, und – vielleicht überraschend – die Ukrainer*innen, die früher eingewandert sind. Im öffentlichen Diskurs kursieren alle möglichen Mythen über Geflüchtete. Einer meiner Diaspora-Befragten verglich Geflüchtete mit Schmarotzern, die sich von der Sozialhilfe ernähren. Ein anderer nannte sie Glückspilze. Wenn man in den sozialen Medien die Kommentare von Ukrainer*innen im Ausland liest, ist die Sprache manchmal sogar noch schärfer, und das schon seit der Ankunft der Geflüchteten. Es ist ein Gefühl der Verärgerung über die wahrgenommene Ungerechtigkeit und Ungleichheit spürbar: Geflüchtete erhalten umsonstHilfe und Möglichkeiten, die früheren Migrant*innen bei ihrer Ankunft in Polen nicht zuteilwurden.

Geflüchtete befinden sich in der Asymmetrie der Migrationsnetzwerke in einer kompromittierten Position. Sie werden immer wieder aufgefordert, sich an ihren Platz zu erinnern, bescheiden und dankbar zu sein und die Ukraine und ihre Mitbürger*innen nicht zu entehren. Frühere Migrant*innen, insbesondere diejenigen, die sich dauerhaft in ihrem Gastland niedergelassen haben, fürchten um ihren Ruf, um dessen Wahrung sie ständig kämpfen. Sie bringen häufiger Scham zum Ausdruck als Empathie, Mitgefühl oder Trauer für ukrainische Mitbürger*innen, die vor dem Krieg fliehen. Viel Wut und Misstrauen richtet sich letztendlich gegen die falschen Personen. Und die Geflüchteten leiden oft unter einer Doppelbelastung: Von ihnen wird erwartet, dass sie diejenigen, die in der Ukraine geblieben sind, emotional, wenn nicht sogar finanziell versorgen, und zwar aus ihrer Position im Ausland, die als privilegiert gilt.

Jede definitive Aussage darüber, wie es den ukrainischen Geflüchteten geht, muss bei einer vertriebenen Bevölkerung von 8 Millionen eine irreführende Verallgemeinerung sein. Da sie sich in über 40 Ländern niedergelassen haben ist jede definitive Aussage über ihre Lebensbedingungen ebenfalls eine irreführende Verallgemeinerung. Die einzelnen Menschen und ihre Situationen unterscheiden sich einfach zu sehr. Während einige ein teures Auto fahren, sind andere darauf angewiesen, dass Freiwillige wie die Österreicherin Tanja Maier die Verteilung von 50-Euro-Supermarktgutscheinen organisieren, um ihre Kinder ernähren zu können. Einige haben eine erfolgreiche Karriere, eine Partnerin oder einen Partner und ein Haus in einer relativ sicheren Stadt. Andere aus Orten wie Charkiw haben vielleicht alles verloren. Diejenigen, die aus Städten wie Mariupol kommen, können nirgendwohin zurückkehren. Stereotypisierung ist nicht hilfreich.

Das Geschlechtergefälle

Ukrainische Männer, die im Ausland leben, und solche, die sich dem Wehrdienst auf andere Art entzogen haben, werden besonders verurteilt. Während das Ukrainisch-Sein und die Zugehörigkeit zu einem Heimatland im Krieg den Befragten ein neues Gefühl des Nationalstolzes auf die kollektiven Leistungen auf dem Schlachtfeld und im Widerstand vermittelte, löste es häufig auch ein Gefühl der Scham, Schuld und Selbstverurteilung aus, weil sie nicht zum Kämpfen zurückkehrten. Da das Kriegsrecht ukrainische Männer daran hindert, ins Ausland zu gehen, können männliche Emigranten Freund*innen und Familie in der Heimat nicht besuchen, denn eine solche Reise wäre ohne Rückkehr. Die Unterstützung für die psychische Gesundheit richtete sich bisher hauptsächlich an Frauen, aber die diesbezüglichen psychischen Auswirkungen des Krieges könnten bei Männern schwerwiegender sein.

Für Frauen haben der Krieg und die daraus resultierenden Ungleichgewichte in Bezug auf die Mobilität sowohl zu einer Stärkung als auch zu einer Verfestigung der Ungleichheiten zwischen den Geschlechterrollen geführt. Einerseits mussten Frauen mehr Führungsaufgaben in Aktivismus und Diplomatie übernehmen, während das den Männern nicht möglich war. Andererseits wurden Frauen in die Rolle von Pflegenden gedrängt: Sie mussten Kinder und ältere Familienmitglieder evakuieren, hatten oft nicht die Möglichkeit zu arbeiten und waren einem System ausgesetzt, das Anreize für Verwundbarkeit bietet.

Warschauer Bahnhof, März 2022. Bild mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Wer wird zurückkehren?

Das ist eine schwierige Frage. Nach dem Verlust von Millionen von Menschen, die geflohen sind (fast die Hälfte davon sind Kinder), Hunderttausenden, die bei Kämpfen und Angriffen ums Leben gekommen sind, und einer aufgrund der Instabilität stark sinkenden Geburtenrate sieht die demografische Prognose für die Ukraine düster aus. Dieser Bevölkerungsrückgang birgt erhebliche Risiken für die Wirtschaft und den allgemeinen Wohlstand des Landes; der Wiederaufbau nach dem Krieg wird qualifizierte Hände und Köpfe erfordern. Vor 2014 waren der industrielle Donbass im Besonderen und der Südosten im Allgemeinen die bevölkerungsreichsten Regionen der Ukraine und leisteten den größten Beitrag zur nationalen Wirtschaft. Heute liegt die Industrie des Donbass angesichts von fünf Millionen Binnenvertriebenen in Trümmern, die Landwirtschaft im Süden wird durch die Verschmutzung durch Minen und die Zerstörung des Kachowka-Staudamms beeinträchtigt, und die Küstengebiete und das russische Grenzgebiet sind nach wie vor von Artilleriebeschuss bedroht; die sozioökonomische Landkarte der Ukraine ändert sich.

Ich habe meine Interviewpartner*innen aus der Diaspora nach ihren Gedanken zur Rückkehr in die Ukraine befragt. Im Großen und Ganzen hat der umfassende Krieg die Pläne der Emigrierenden nicht wesentlich verändert, sondern ihre bereits bestehenden Positionen gestärkt. Diejenigen, die sich im Ausland niederlassen wollten, um dort eine bessere Lebensqualität zu finden, wurden durch die Zerstörung des Krieges in ihrer Überzeugung bestärkt, dies zu tun. Bei denjenigen, die zurückkehren und zur Entwicklung der Ukraine beitragen wollten, hat der Krieg die Entschlossenheit gestärkt. Trotz des Vorwurfs, dass Geflüchtete die Hilfe missbrauchen, haben mehrere Befragte humanitäre Visaprogramme in anderen Ländern beantragt und waren entweder bereits umgezogen oder hatten dies vor. Das war etwas, das sie schon immer wollten, und die liberalisierten Migrationsregelungen für Ukrainer*innen im Jahr 2022 boten ihnen die Gelegenheit dazu.

Es besteht ein deutlicher Unterschied in der Wahl der Aufnahmeziele von Geflüchteten und Wirtschaftsmigrant*innen. Geflüchtete treffen ihre Entscheidungen in der Regel aufgrund dringender praktischer Bedürfnisse: Sie ziehen oft an einen Ort mit verfügbaren Unterkünften. Viele Arbeitsmigrant*innen sind Träumer*innen: Betroffene, die ihre Pläne, in ein anderes Land weiterzuziehen, mitteilten, geben oft stereotype Bilder von westlichen Ländern als Grund an. Polen zu verlassen wird beispielsweise oft mit der Vermeidung einer zunehmend illiberalen populistischen Politik in Verbindung gebracht.

Statistiken zeigen einen hohen, wenn auch rückläufigen Prozentsatz von Migrant*innen, die in die Ukraine zurückkehren wollen: Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage sind es 63 %. Nach Gesprächen mit ukrainischen Geflüchteten in Europa würde ich diese Zahlen in Frage stellen. Sozialer Druck und Scham treiben viele dazu, die richtige Antwort zu geben, anstatt ihre tatsächlichen Gedanken, ihre Zweifel mitzuteilen. Der quantitative Charakter solcher Umfragen gibt keinen Aufschluss darüber, wann oder unter welchen Umständen die Menschen bereit sind, zurückzukehren, und was dies für sie bedeutet.

Meinen Recherchen zufolge sprachen viele der Befragten von der Möglichkeit, nach dem Krieg in die Ukraine zurückzukehren. Diese Aussicht wurde jedoch immer in hypothetischer Form diskutiert. Ich sprach mit einer Geflüchteten, die auf einer öffentlichen Veranstaltung proaktiv erklärte, sie wolle zurückkehren. Im Anschluss an die Veranstaltung erzählte sie mir unter vier Augen, wann sie dies zu tun gedenke: Wenn mein Kind zur Universität geht – ich möchte, dass es ein europäisches Diplom erhält. Auf die Frage, wie alt ihr Kind sei, antwortete sie: Es ist in der fünften Klasse. Eine andere Geflüchtete, die mit einem Kind ausgereist war, äußerte sich nur vage über ihre Pläne. Dann fiel mir auf, dass sie sich ihre Bibliothek aus Kyiv schicken ließ – das schien eine stärkere Absichtserklärung zu sein als alles, was sie in Worten ausdrückte.

Diejenigen, die zugaben, nicht in die Ukraine zurückkehren zu wollen, äußerten sich stets sehr negativ über die Zukunft der Ukraine. Die Hoffnung zu haben oder sie verloren zu haben, war wahrscheinlich der wichtigste Prädiktor für die Absichten einer Person. Es könnte sein, dass Migrant*innen ein sehr negatives Bild von ihrem Heimatland vertreten, um zu begründen, dass sie sich selbst entwurzelt haben. Es könnte aber auch sein, dass diejenigen, die nicht optimistisch sind, dass in ihrem Heimatland positive Veränderungen erfolgen werden, eher dazu neigen, überhaupt auszuwandern. Manchmal können sehr spezielle und persönliche negative Erfahrungen, wie z. B. Mobbing in der Schule, zu negativen Assoziationen in Bezug auf das gesamte Land und damit zu dem Wunsch, das Land zu verlassen, führen.

Meistens wird jedoch mit weniger direkten, persönlichen Motiven wie Korruption, niedrigen Löhnen oder hoher Inflation begründet, warum man nicht zurückkehren möchte. Zwar wirken sich allgemeine Faktoren auf die Situation Einzelner aus, doch sind sie seltener ausschlaggebend für eine Entscheidung. Es scheint jedoch, dass es akzeptabler ist, unpersönliche Gründe öffentlich zu äußern; wenn eine höhere Macht die Kontrolle über Ihre Situation ausübt, kann es Ihnen verziehen werden, wenn Sie nicht das Richtige tun. Ehrlich zu sagen, dass man nicht zurückkehren will, weil man im Ausland einen besser bezahlten Job gefunden hat, oder dass der Ehemann, der zu Hause auf einen wartet, einen misshandelt, oder dass man sich nicht mehr mit der Schwiegerfamilie herumschlagen muss, die man nicht mag, oder dass man einfach einen neuen Partner gefunden hat, der nicht eingezogen wird und mit einem im Ausland Urlaub machen kann, ist unter Ukrainer*innen gesellschaftlich inakzeptabel. Dennoch sind diese individuellen Umstände ausschlaggebend und sollten bei jeder Politik, die Anreize zur Rückkehr schafft, berücksichtigt werden.

Bemerkenswert ist, dass schätzungsweise ein Drittel der ukrainischen Geflüchteten bereits zurückgekehrt ist. Für diejenigen, die noch im Ausland sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr mit jedem Tag, den der Krieg andauert. Je länger sich die Geflüchteten an ihr Aufnahmeland anpassen und dort ein Leben aufbauen – z. B. mit Kindern, die zur Schule gehen und eine neue Sprache lernen –, desto traumatischer wird es sein, das Land wieder zu verlassen. Und je länger der Krieg dauert, je mehr Häuser, Schulen und Krankenhäuser zerstört werden, desto weniger gibt es, zu dem man zurückkehren kann. Die große Frage ist, wie man realistisch und schnell alles wieder aufbauen kann, vor allem in der Nähe der russischen Grenze. Der beste Weg, den rückkehrwilligen ukrainischen Geflüchteten zu helfen, wäre die Verstärkung der Luftabwehr über den Städten und der kritischen Infrastruktur, damit Schulen und Unternehmen nicht zu sehr beeinträchtigt werden und Stromausfälle im Winter gemildert und im Idealfall verhindert werden können. Das Ziel von Geflüchteten ist es grundsätzlich, nicht länger Geflüchtete, Außenseiter*innen zu sein, was für einige bedeutet, in ihre Heimat zurückzukehren, wo sie in Frieden leben können.

Geflüchtetenlager am Grenzübergang Korczowa, März 2022. Bild mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Rechtliche Prekarität

Für andere besteht der Übergang von ihrem Geflüchtetenstatus darin, ihr Leben vollständig im Ausland zu etablieren, Stabilität zu gewährleisten und akzeptiert zu werden. Das Warten und die Ungewissheit sind oft am anstrengendsten. Wir bezeichnen Ukrainer*innen, die vor dem Krieg geflohen sind, gemeinhin als Geflüchtete. Rechtlich gesehen wurde den Ukrainer*innen jedoch ein vorübergehender Schutzstatus und kein Asyl gewährt. Das Schlüsselwort ist hier vorübergehend. Die EU-Richtlinie, ein anfänglicher Segen, könnte sich jedoch durchaus als Hindernis erweisen: Der Schutz ist auf maximal drei Jahre begrenzt, aber es ist nicht klar, was mit den ukrainischen Geflüchteten geschieht, wenn die Frist abläuft, und der zweite Jahrestag des Kriegsbeginns nähert sich bereits. Die Umsetzung der Richtlinie ist von Land zu Land unterschiedlich. Nirgendwo in der EU wird die Zeit, die Ukrainer*innen unter vorübergehendem Schutz in den Mitgliedstaaten verbringen, allerdings auf die langfristige Aufenthaltsgenehmigung angerechnet. Da das Thema Migration stark politisiert ist, könnten die Europawahl und andere Wahlen im Jahr 2024 die Lösung dieser Frage weiter erschweren, was sowohl für die Geflüchteten als auch für die Aufnahmegesellschaften potenzielle Risiken birgt. Für die Geflüchteten macht der politisch konditionierte Diskurs über Gastfreundschaft statt Rechte ihre Position prekär; manchmal wird aus Gastfreundschaft Gastfeindschaft, wie Derrida es formulierte. Für die Aufnahmegesellschaft besteht das Risiko, dass rechtspopulistische Akteure aus den wachsenden Ressentiments Kapital schlagen. Das war in vielen Ländern nach der Aufnahme einer großen Zahl von Geflüchteten der Fall, z. B. in Deutschland nach 2015. 

In mehreren Ländern wird als Lösung für Geflüchtete, die bleiben wollen, eine befristete Aufenthaltserlaubnis auf der Grundlage einer Beschäftigung vorgeschlagen: eine Arbeitsmigrationsregelung für kriegsvertriebene Ukrainer*innen. Dieser Ansatz würde jedoch die Schwachen, Alten und Kranken ausschließen. Auch vielen Frauen mit Kindern, die die Mehrheit der ukrainischen Geflüchteten ausmachen, wäre damit nicht gedient. Sie haben oft keinen Zugang zu erschwinglichen Kinderbetreuungseinrichtungen und können daher, da sie keine Familie im Ausland haben, keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden. Diese Menschen leben in Angst davor, wie ihre Zukunft aussehen wird. Ob die Ukrainer*innen zurückkehren oder nicht, wird stark davon abhängen, auf welche politischen Instrumente die Regierungen der Aufnahmeländer zurückgreifen werden. Viele Geflüchtete kommen aus Frontgebieten und besetzten Gebieten. Solange die ukrainische Regierung nicht über ausreichende Mittel für die Versorgung von Binnengeflüchteten verfügt, sollte sie sich für den Schutz und die menschenwürdige Behandlung ihrer Bürger*innen im Ausland einsetzen.

Die Ukraine könnte eines Tages eine eigene Einwanderungspolitik brauchen. Wenn die Zeit für einen umfassenden Wiederaufbau gekommen ist, werden mehr als nur zurückkehrende Frauen und Kinder benötigt, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Die Ukrainer*innen werden sich an die Gastfreundschaft erinnern müssen, die ihnen im Ausland zuteil wurde, und die gleiche oder eine bessere Gastfreundschaft gewähren müssen. Aber bei einer Arbeitslosigkeit von fast 20 %, die sich seit der umfassenden Invasion verdoppelt hat, ist dies derzeit kein brennendes Problem. Anständige Löhne hingegen schon.

Zugehörigkeit, Vertretung und Handlungsfähigkeit

Die Teilnehmer*innen der Studie mit der größten Motivation, in die Ukraine zurückzukehren, sind diejenigen, für die es wichtig ist, Teil der Zivilgesellschaft zu sein und Einfluss auf den sozialen und politischen Wandel nehmen zu können – etwas, von dem sie denken, dass es ihnen in einer fremden Gesellschaft noch nicht möglich ist. Neben der Hoffnung auf einen positiven Wandel in der Ukraine nach dem Krieg fühlen sie sich auch für den Wiederaufbau verantwortlich:

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mein Leben lang in Polen leben kann, denn in Polen sind gleichgeschlechtliche Ehen nicht legalisiert. Was die Gleichberechtigung für mich als Angehöriger einer geschlechtlichen Minderheit angeht, würde ich mich nicht wohl fühlen, also würde ich an einen anderen Ort gehen. Es ist gut möglich, dass dieser andere Ort die Ukraine wäre. Selbst wenn gleichgeschlechtliche Ehen dort auch nicht legalisiert sind und es keine zivilen Partnerschaften gibt, wäre es für mich angenehmer, in der Ukraine zu leben, weil ich dort dafür kämpfen könnte. Ich würde gerne dafür kämpfen, dass sie in der Ukraine legalisiert werden … denn ich fühle mich nicht für die polnische Zivilgesellschaft verantwortlich. Ich bin für die ukrainische Gesellschaft verantwortlich, weil ich ein Teil von ihr bin. (Ihor, PhD-Student aus Luhansk)

Eine solche Aussage spiegelt eine Stärkung der ukrainischen bürgerlichen nationalen Identität wider, und zwar nicht nur aufgrund einer gemeinsamen militärischen Bedrohung. Forschungsergebnisse und meine Daten deuten darauf hin, dass die gemeinsamen und partizipatorischen Erfahrungen der drei Revolutionen in der modernen Ukraine zur Verschmelzung der ukrainischen Identität mit aktiver Staatsbürgerschaft geführt haben: verstärkte Solidarität mit Landsleuten, erhöhte Bereitschaft, die Ukraine zu verteidigen oder für die Ukraine zu arbeiten, und erhöhtes Vertrauen in die Macht des Volkes, das Land zum Besseren zu verändern … Einige glauben, dass die nationale Transformation und Konsolidierung auf dem Maidan selbst begann, mit der Bereitschaft, die gemeinsame Sache zu verteidigen und andere Menschen zu unterstützen, die dafür kämpfen; Menschen, die kamen, um als Ukrainer*innen und nicht nur als Mitprotestierende wahrgenommen zu werden. Der kollektive Widerstand gegen die Invasion im Jahr 2022, der alle Teile der Gesellschaft umfasste, verstärkte diese Tendenzen.

Mit der Gegenwart zurechtkommen

Die Daten aus diesem Forschungsprojekt zeigen, dass der umfassende Krieg im Allgemeinen die soziopolitischen Realitäten noch nicht radikal verändert zu haben scheint. Vielmehr hat er bestehende Tendenzen vertieft und eine weitere Polarisierung bewirkt. Es gibt sowohl Anzeichen für einen stärkeren sozialen Zusammenhalt und Versöhnung, für das Aufbrechen von Stereotypen als auch für eine Vertiefung der Kluften, einschließlich neuer sozialer Spannungen. Die Auswirkungen werden wir jedoch erst im Nachhinein abschätzen können.

Auch wenn die Zukunft der ukrainischen Migrant*innen in Europa noch sehr ungewiss ist, so ist doch klar, dass solche tektonischen demografischen Verschiebungen für die Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik sowohl der Ukraine als auch der EU in den kommenden Jahrzehnten von großer Bedeutung sein werden. In den letzten zehn Jahren sind rund 184.000 Ukrainer*innen zu EU-Staatsbürger*innen geworden. Allein diese Zahl deutet darauf hin, dass die ukrainische Diaspora nicht verschwindet, sondern vielmehr zu einer bedeutenden Kraft wird, die mit der Zeit eine politische Vertretung und mehr Einfluss entwickeln wird.

Mehr als alle anderen muss sich die Ukraine selbst mit dieser Realität auseinandersetzen. Die Ukraine hat sich in den Jahren des Krieges wahrscheinlich mehr verändert als in den Jahrzehnten der Unabhängigkeit davor, und noch mehr in den Monaten des umfassenden Krieges. Es ist wichtig, sich für Wiederaufbauprogramme zu entscheiden, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht, und für ein lohngestütztes Wachstum, das Bedingungen und Anreize für die Rückkehr von Migrant*innen schafft. Es ist auch wichtig zu erkennen, dass ein beträchtlicher Teil der früheren Bevölkerung nicht zurückkehren wird, ganz gleich, wie die Anreize aussehen. Menschen zur Rückkehr zu zwingen, ist unmöglich und wäre in der Tat unmenschlich. Stattdessen braucht die Ukraine eine solide Diaspora-Politik, die die Ukrainer*innen in ganz Europa als Bereicherung und nicht als Problem betrachtet.

Zu Beginn der Invasion spielten die bestehenden Migrant*innennetzwerke eine wichtige Rolle bei der Ausgestaltung und Ermöglichung der westlichen Reaktion. Sie trugen nicht nur die Hauptlast bei der Aufnahme von Geflüchteten, sondern organisierten auch Demonstrationen und Petitionen sowie die Beschaffung von humanitärer und zweckgebundener Hilfe. Wer zum Beispiel im März 2022 versucht hat, einen Druckverband zu kaufen, weiß, dass dies praktisch unmöglich war: Ukrainer*innen in ganz Europa und Nordamerika hatten alle Regale und Lagerhäuser für Erste-Hilfe-Kästen geleert. Auch die ausgewanderten Ukrainer*innen verdienen es, dass ihr Beitrag anerkannt wird.

Ebenso kommt den Geflüchteten eine besondere Rolle zu, wenn es darum geht, sich für Hilfe einzusetzen, den Wiederaufbauprozess zu gestalten und den Beitritt der Ukraine zur EU und zur NATO zu unterstützen. Sie können als Kulturdiplomat*innen fungieren und Verbindungen zwischen der Ukraine und ihren Verbündeten herstellen. Die Ukraine muss sie integrieren, unabhängig davon, wo sie sich befinden. Zu den weiteren Notwendigkeiten gehört es, genügend Wahllokale in ausländischen Wahlbezirken zu betreiben oder sichere Wege zu finden, um per Post oder digital wählen zu können – so dass Ukrainer*innen in Vancouver keinen Langstreckenflug nehmen müssen, um ihre Stimme abzugeben. Die Ukraine braucht dringend eine Strategie zur Einbindung der Diaspora. Es sollte keinen politischen Konflikt zwischen der Erleichterung der Integration in den Aufnahmeländern und der Sicherung der Rückkehr von Geflüchteten geben – beides wird geschehen. Für beides ist eine Verurteilung kein wirksamer Anreiz.

Der Krieg verändert das Gefüge der ukrainischen Gesellschaft dramatisch. Wir müssen Wege finden, uns damit zu versöhnen und uns anzupassen, anstatt uns über unsere Landsleute zu ärgern, um die Wette zu leiden und in Nostalgie oder Fantasievorstellungen zu leben. Bei dem Wunsch, dass alle in die Ukraine zurückkehren, geht es um mehr als nur die Rückkehr an einen bestimmten Ort. Es ist der Wunsch, in die Vergangenheit zurückzukehren, zu der Situation, die vor diesem schrecklichen Krieg herrschte. Das demografische Bild der Ukraine hat sich ebenso verändert wie ihre Stadtlandschaften. Lassen Sie uns versuchen, der schlechten Situation etwas Gutes abzugewinnen und nach Wegen zu suchen, einander mit Empathie zu begegnen.

Dieser Artikel basiert auf Forschungsarbeiten, die im Rahmen eines Projekts durchgeführt wurden, das durch das Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 der Europäischen Union unter der Finanzhilfevereinbarung Nr. 765224 finanziert wurde, sowie im Rahmen eines Gaststipendiums, das vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien, gefördert wurde. Alle Namen der Interviewpartner wurden geändert.

Es wurde im Rahmen des Jugendprojekts Vom Wissen der Jungen. Wissenschaftskommunikation mit jungen Erwachsenen in Kriegszeiten veröffentlicht, gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien.



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