{"id":210059,"date":"2024-03-04T08:44:28","date_gmt":"2024-03-04T08:44:28","guid":{"rendered":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/2024\/03\/04\/russlands-zukunft-und-der-krieg\/"},"modified":"2025-06-25T17:21:15","modified_gmt":"2025-06-25T17:21:15","slug":"russlands-zukunft-und-der-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/2024\/03\/04\/russlands-zukunft-und-der-krieg\/","title":{"rendered":"Russlands Zukunft und der Krieg"},"content":{"rendered":"<p> [ad_1]<br \/>\n<\/p>\n<div id=\"main-text\">\n<p><strong>I.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir heute \u00fcber die Zukunft Russlands sprechen, ist das in gewissem Sinne wie ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Leben nach dem Tod. Russland befindet sich mitten in einer Katastrophe, der Krieg geht immer weiter und das Grauen erfasst uns, wenn wir daran denken, was Russland bereits getan hat oder was unsere Landsleute im Namen Russlands in der Ukraine verbrochen haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich habe zwei Bilder auf meiner Facebook-Seite gespeichert, die ich jedes Mal beim \u00d6ffnen sehe, auf dem einen sieht man ein sehr junges M\u00e4dchen, das seine etwa einj\u00e4hrige Tochter aus der Flasche f\u00fcttert. Dieses Foto wurde ber\u00fchmt, als die beiden nach dem Einschlag einer russischen Rakete in ihr Haus get\u00f6tet wurden. Auf dem anderen Foto sitzt ein 40-j\u00e4hriger Mann mit Freunden in einem Caf\u00e9 und zeigt ihnen lachend seinen Ausweis. Auch er wurde get\u00f6tet. Das war\u2019s, er lacht nicht mehr. Der Gedanke an Hunderttausende von Toten, an die Zerst\u00f6rung eines friedlichen, durchaus wohlhabenden Lebens, ist entsetzlich. Und wenn wir an die individuellen Trag\u00f6dien denken, existiert die Geschichte nicht. Sie hat in dieser Perspektive keine Bedeutung.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_30680\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-30680\" class=\"size-large wp-image-30680\" src=\"https:\/\/www.eurozine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Alexey_Navalny_20_Feb_2021_by_Evgeny_Feldman-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"682\" srcset=\"https:\/\/www.eurozine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Alexey_Navalny_20_Feb_2021_by_Evgeny_Feldman-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.eurozine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Alexey_Navalny_20_Feb_2021_by_Evgeny_Feldman-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.eurozine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Alexey_Navalny_20_Feb_2021_by_Evgeny_Feldman-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.eurozine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Alexey_Navalny_20_Feb_2021_by_Evgeny_Feldman.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"\/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-30680\" class=\"wp-caption-text\">Alexei Navalny in court after his re-arrest in 2021. Image: Evgeny Feldman. Source: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Alexey_Navalny_20_Feb_2021_by_Evgeny_Feldman.jpg\">Wikimedia Commons<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich habe keinen Zweifel daran, dass Russland daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen werden wird. Ich bin mir sicher, dass wir dieser Abrechnung nicht entgehen werden, auch wenn ich nicht wei\u00df, wann und wie sie stattfinden wird. F\u00fcr mich ist das keine Frage der kollektiven Verantwortung, sondern eher eine Frage des kollektiven Karmas.<\/span><\/p>\n<p><strong>2.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In der Zwischenzeit m\u00fcssen wir meiner Meinung nach bestimmte Fallstricke vermeiden, wenn wir dar\u00fcber nachdenken, wie und warum dieser Krieg m\u00f6glich wurde, wie er enden k\u00f6nnte und was danach kommt. Entsetzen und Wut zwingen uns, kategorisch zu denken und die Realit\u00e4t angesichts des Krieges zu vereinfachen. Als ob die Radikalit\u00e4t unseres Denkens ihn aufhalten k\u00f6nnte. Es handelt sich um eine sehr verst\u00e4ndliche Reaktion.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Viele russische Intellektuelle und so genannte einfache Menschen sind heute deprimiert. Der Terror und das Wissen um die eigene Hilflosigkeit lassen sie verstummen. Sie f\u00fchlen sich als unbedeutende, hilflose Minderheit und \u00fcberlassen daher dem B\u00f6sen, das das Land okkupiert hat, die Arena. Genau das ist aber das Ziel von Despotismus \u2013 Autokratien versuchen, unsere Wahrnehmung der tats\u00e4chlichen Machtverh\u00e4ltnisse in der Gesellschaft zu verzerren und unsere Bereitschaft zum Widerstand zu verringern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Es liegt in Putins Interesse, die Dinge so darzustellen, dass diejenigen, die in der ukrainischen Stadt Butscha und an anderen Orten Menschen gefoltert und ermordet haben, das wahre Russland seien und es gar kein anderes Russland gebe. Es liegt in seinem Interesse, zu behaupten, dass Demokratie in Russland nicht nur gescheitert, sondern dass sie dort grunds\u00e4tzlich unm\u00f6glich sei. Oder darauf zu bestehen, dass Russland trotz seiner Modernisierungsversuche jetzt wieder auf seinen \u00bburspr\u00fcnglichen und nat\u00fcrlichen\u00ab Weg zur\u00fcckgekehrt sei; an jenen Punkt, von dem es vor f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren ausging.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Und ich m\u00f6chte \u00fcber derartige Vereinfachungen sprechen, die sowohl unter russischen Intellektuellen als auch im Westen verbreitet sind und die uns den Halt rauben und uns schw\u00e4chen.<\/span><\/p>\n<p><strong>3.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Erstens befindet sich Russland heute inmitten einer Katastrophe. Allerdings ist Russland nicht das einzige Land, das in seiner Geschichte eine solche Katastrophe erlebt hat, und es ist auch nicht das einzige Land, das einen ungerechten Eroberungskrieg f\u00fchrt. F\u00fcr einige L\u00e4nder, die in der Vergangenheit solche Kriege gef\u00fchrt haben, wurde ihre Niederlage zu einem Wendepunkt in ihrer Geschichte. Wir kennen diese Beispiele. Und das ist ein wichtiger Grund, warum f\u00fcr russische Intellektuelle die Hoffnung und der Wunsch, dass die Ukraine standh\u00e4lt, ein pers\u00f6nliches und tiefes Gef\u00fchl ist. Ein Sieg Russlands in der Ukraine w\u00e4re tats\u00e4chlich eine Katastrophe, w\u00e4hrend die Vorstellung einer Niederlage Russlands Hoffnung und ein Gef\u00fchl der Chance vermittelt. Ich m\u00f6chte hier mit Nachdruck betonen, dass ein ungerechter Krieg zwar eine Katastrophe ist, aber sicher nicht das Ende der nationalen Geschichte bedeutet.<\/span><\/p>\n<p><strong>4.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Mein zweiter Punkt ist folgender: Der aggressive Krieg, den Putin gegen die Ukraine begonnen hat, ist zugleich ganz offenkundig eine Aggression gegen das \u00bbEurop\u00e4ische\u00ab in Russland, eine Aggression gegen Russlands eigenes europ\u00e4isches Potenzial. Das globale geschichtliche Ziel dieses Krieges ist aus Putins Sicht ein totaler Bruch Russlands mit dem Westen, der in seiner Vorstellung den Weg zu einer radikalen Entwestlichung Russlands er\u00f6ffnen soll.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Tats\u00e4chlich waren die f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahre seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion trotz aller Komplexit\u00e4t, Widerspr\u00fcche und Verzerrungen dieses Prozesses f\u00fcr Russland eine \u00c4ra tiefgreifender und vielf\u00e4ltiger Modernisierung in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht. Selbst das letzte Jahrzehnt \u2013 die 2010er Jahre, als Putins Autokratie bereits Gestalt annahm \u2013 war in Russland durch die Entstehung eines m\u00e4chtigen unabh\u00e4ngigen Journalismus, eines gro\u00dfen Sektors nichtstaatlicher Organisationen der Zivilgesellschaft und das Aufkommen einer neuen politischen Generation gekennzeichnet, die durch eine ganze Reihe von Massenprotesten bekannt wurde und deren Gesicht Alexei Nawalny wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Meiner Meinung nach hat all das \u2013 die politischen Auswirkungen der Modernisierung \u2013 den aktuellen Gegenangriff der ultrakonservativen Kr\u00e4fte provoziert. Die gro\u00dfangelegte Invasion in der Ukraine wurde zu einem Instrument f\u00fcr die Mobilisierung der revanchistischen Bereiche in der russischen Gesellschaft. Der Eroberungskrieg gegen die europ\u00e4ische Wahl der Ukraine sollte alle archaischen Kr\u00e4fte in Russland mobilisieren und tat dies auch, um die Modernisierungsbem\u00fchungen der letzten Jahrzehnte zu untergraben.<\/span><\/p>\n<p><strong>5.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Mein dritter Punkt ist folgender: Die intensive \u2013 wenn auch umstrittene \u2013 Modernisierung und Verwestlichung Russlands seit den sp\u00e4ten 1980er Jahren haben zu einer Versch\u00e4rfung des Wettbewerbs und zu sozialen Konflikten gef\u00fchrt. Es handelt sich um Konflikte zwischen dem sich modernisierenden Russland und seiner neuen politischen Generation auf der einen Seite und den Kr\u00e4ften des paternalistischen und archaischen Staatsnationalismus auf der anderen Seite.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Eine derartige Versch\u00e4rfung sozialer Konflikte ist nicht einzigartig in der Geschichte der Menschheit und kann auch nicht als Beweis daf\u00fcr dienen, dass Russland nicht f\u00fcr die Demokratie geeignet ist. In gewisser Weise kann diese Konfrontation mit der Zeit in der europ\u00e4ischen Geschichte verglichen werden, als nach dem Ersten Weltkrieg die europ\u00e4ischen Imperien zusammenbrachen und in vielen L\u00e4ndern durch junge republikanische Regime ersetzt wurden. In den folgenden f\u00fcnfzehn bis zwanzig Jahren wurden diese instabilen Demokratien (einschlie\u00dflich der \u00f6sterreichischen und deutschen) von rechtsextremen Kr\u00e4ften \u00fcberrollt, die dann einen gro\u00dfen Krieg in Europa ausl\u00f6sten. Und \u2013 seien wir ehrlich \u2013 hatte irgendjemand wirklich Grund zu glauben, dass eine Demokratie in Deutschland m\u00f6glich sei, nachdem es zwei Weltkriege ausgel\u00f6st hatte und seine einzige Erfahrung mit Demokratie die f\u00fcnfzehn Jahre Weimarer Republik waren, deren dramatischer Niedergang die bekannten Folgen nach sich zog?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In den 1990er Jahren befand sich Russland nach siebzig Jahren kommunistischer Erstarrung in der ersten Phase seiner republikanischen Geschichte. Wie in vielen anderen L\u00e4ndern war dies gleichzeitig eine Periode politischer Korruption, eines schwachen Staates und mangelhafter Strafverfolgung sowie eines instabilen und chaotischen Parteiensystems, was in der Folge zu einem Anstieg des nationalistischen Revanchismus und zur weitverbreiteten Forderung nach einer \u00bbstarken Macht\u00ab f\u00fchrte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Schw\u00e4che der russischen Demokratie wurde durch den Umstand versch\u00e4rft, dass Russland in den 2000er und 2010er Jahren auch mit \u00d6l- und Gaseinnahmen \u00fcberschwemmt wurde. Diese Einnahmen f\u00fchrten einerseits zum Wachstum der russischen Megalopolen und zur Herausbildung einer neuen politischen Generation, andererseits zur ungez\u00fcgelten Bereicherung der korrupten Elite, die zu Organisator und Basis der nationalkonservativen Revanche wurde.<\/span><\/p>\n<p><strong>6.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Aber ich m\u00f6chte den Rahmen unserer Betrachtung noch erweitern. Historisch gesehen ist Russland ein Teil der gro\u00dfen Peripherie Europas, ein Gebiet, das nicht Europa ist, zugleich aber seit Jahrhunderten mit Europa eng verbunden ist und von ihm stark beeinflusst wird. Diese Peripherie ist nicht nur auf Russland beschr\u00e4nkt. Unter gro\u00dfer europ\u00e4ischer Peripherie verstehe ich jene L\u00e4nder und Regionen, in denen es eine Elite gibt, die proeurop\u00e4ische Ideen vertritt, die allerdings mit anderen zivilisatorischen Einfl\u00fcssen und sozialen Doktrinen in Konkurrenz und Rivalit\u00e4t stehen. Der Balkan, die T\u00fcrkei (bis zu einem gewissen Grad), die Ukraine, Wei\u00dfrussland, Russland und selbst der Transkaukasus k\u00f6nnen dieser Zone \u2013 der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Peripherie \u2013 zugerechnet werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir zur\u00fcckblicken, stellen wir fest, dass die Grenze Europas \u2013 die Grenze, die den Raum des europ\u00e4ischen Projekts definiert \u2013 st\u00e4ndig in Bewegung war. Aus Voltaires Perspektive Mitte des 18. Jahrhunderts hatten die Strahlen der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung gerade erst begonnen, die deutschen Lande zu erleuchten. F\u00fcr Voltaire befand sich Europa im Dreieck zwischen Paris, London und Amsterdam. Die Wiener wiederum kennen das ber\u00fchmte Bonmot von Metternich, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts, f\u00fcnfzig Jahre nach Voltaire, sagte: \u00bbAsien beginnt am Rennweg.\u00ab Er meinte damit, dass man sich, wenn man sich vom Zentrum Wiens Richtung Osten bewegt, sehr schnell in einem Raum wiederfinde, den man kaum noch als europ\u00e4isch bezeichnen k\u00f6nne.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Heute hat sich die Grenze Europas weit nach Osten verschoben, obwohl man, wenn man in der von Metternich angegebenen Richtung reist, auch heute noch immer zahlreiche Merkmale europ\u00e4ischer Peripherie und Hinweise auf den unvollendeten Kampf zwischen Europ\u00e4ischem und Nichteurop\u00e4ischem oder gar Antieurop\u00e4ischem finden kann; zum Beispiel in der Slowakei, in Ungarn und auch in Polen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In der n\u00e4chsten Zone, von Russland und Wei\u00dfrussland bis in den Transkaukasus, die T\u00fcrkei und dem Balkan, ist der Kampf zwischen Europ\u00e4ischem und Antieurop\u00e4ischem deutlich sichtbar und nimmt oft dramatische oder sogar tragische Formen an. Gleichzeitig w\u00e4re es kurzsichtig und falsch, die europ\u00e4ischen Bestrebungen eines Teils der Eliten und der Bev\u00f6lkerungen dieser Gebiete als etwas Oberfl\u00e4chliches, Nicht-Organisches und Zuf\u00e4lliges zu verstehen. Auch wenn Putin und andere Feinde der europ\u00e4ischen Idee in diesen Gebieten uns versichern wollen, dass dem so w\u00e4re. Die historischen Fakten widersprechen dem \u2013 diese Gebiete sp\u00fcren seit mehreren Jahrhunderten die Anziehungskraft Europas, die die jeweiligen intellektuellen Eliten in ihrem Streben nach Modernisierung inspiriert. In dieser Hinsicht sind sie eine Erweiterung und eine andere Dimension Europas.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wir wissen nicht, ob und wann diese Rivalit\u00e4t in den verschiedenen Teilen der europ\u00e4ischen Peripherie erfolgreich enden wird. Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Punkt: Solange die proeurop\u00e4ischen Ideen und Kr\u00e4fte in diesen L\u00e4ndern einflussreich bleiben oder zumindest nicht unterdr\u00fcckt werden, stellen sie ein Gegengewicht zu den antieurop\u00e4ischen Kr\u00e4ften in diesem Bereich dar und gew\u00e4hrleisten eine Periode friedlicher Koexistenz dieser Peripherie mit Europa.<\/span><\/p>\n<p><strong>7.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In der russischen Geschichte l\u00e4sst sich die sich wiederholende Bewegung dieses Pendels gut beobachten \u2013 Perioden proeurop\u00e4ischer Modernisierung folgen auf Perioden mit antieurop\u00e4ischer Agenda. Auf die rasche Anpassung an europ\u00e4ische Modelle und Praktiken in der ersten Periode folgt eine Periode der Feindseligkeit gegen\u00fcber dem Europ\u00e4ischen und das Bestreben, ihm die \u00bbnationale\u00ab oder gar \u00bbzivilisatorische\u00ab Identit\u00e4t Russlands entgegenzusetzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Das bolschewistische Projekt des 20. Jahrhunderts war wahrscheinlich die l\u00e4ngste Periode des russischen Antieurop\u00e4ismus und der umfangreichste und blutigste Versuch, in Russland ein System von Institutionen und Werten zu etablieren, das den europ\u00e4ischen diametral entgegengesetzt ist. Als das sowjetische Regime in den 1960er Jahren in eine Phase der Demobilisierung eintrat, f\u00fchrte dies innerhalb weniger Jahrzehnte zur Herausbildung einer proeurop\u00e4ischen sowjetischen Elite, die dann eine antikommunistische und prowestliche Revolution im Lande anf\u00fchrte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ab Mitte der 1980er Jahre bis Mitte der Nullerjahre und dar\u00fcber hinaus \u00fcbernahm Russland rasch europ\u00e4ische Modelle und Praktiken, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, die dieser Prozess mit sich brachte. Die Konsolidierung der antieurop\u00e4ischen Kr\u00e4fte begann in den sp\u00e4ten 2000er Jahren und verst\u00e4rkte sich Mitte der 2010er Jahre drastisch. Mit dem \u00d6lreichtum setzte sich bei einem Teil der russischen Bev\u00f6lkerung und der Eliten die Gew\u00f6hnung an erh\u00f6hte Renditen durch, Korruption und die Idee wirtschaftlicher Autarkie wurden polul\u00e4r, was durch die Vorstellungen zivilisatorischer Exklusivit\u00e4t und Revanchismus der \u00bbGro\u00dfmacht\u00ab noch einmal verst\u00e4rkt wurde.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Diese Pendelbewegungen spiegeln die unterschiedlichen Konstellationen von pro- und antieurop\u00e4ischen Kr\u00e4ften innerhalb der russischen Gesellschaft wider.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Langfristig gesehen ist der antieurop\u00e4ische Modus der russischen Politik also nicht nat\u00fcrlicher und organischer als der entgegengesetzte. Beide sind konstitutive Elemente der russischen Geschichte. Dar\u00fcber hinaus ist ein vollst\u00e4ndiger Bruch mit Europa, wie wir ihn derzeit im Land erleben, f\u00fcr Russland weitgehend unnat\u00fcrlich. Zu Sowjetzeiten war er durch die messianische Idee der Schaffung einer neuen Gesellschaftsordnung gerechtfertigt. Heute gibt es daf\u00fcr keine Rechtfertigung mehr und das einzige Motiv ist die angeblich angeborene Feindseligkeit des Westens gegen\u00fcber Russland. Ein solch radikaler Bruch mit dem Westen ist in Russland nur m\u00f6glich, wenn extrem despotische Formen der Kontrolle \u00fcber die Gesellschaft eingef\u00fchrt werden, wie wir sie jetzt in Russland sehen. Und diese Verbindung zwischen Despotismus und antiwestlichem Ressentiment zeigt die Unnat\u00fcrlichkeit eines solchen Staates. Nach einiger Zeit, wenn sich die \u00dcberwachung als zu teuer erweist oder wenn andere wirtschaftliche oder politische Faktoren ins Spiel kommen, werden wir eine R\u00fcckkehr erleben \u2013 eine Umkehrung des Pendels und die Berufung des neuen Russlands auf Europa, auf seine sozialen Erfahrungen und Modelle.<\/span><\/p>\n<p><strong>8.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich m\u00f6chte die Aufmerksamkeit noch auf eine andere Regelm\u00e4\u00dfigkeit bei den Schwankungen des russischen \u00bbeurop\u00e4ischen Pendels\u00ab lenken. Perioden der proeurop\u00e4ischen Orientierung Russlands fallen sehr oft mit eindeutigen Erfolgen Europas und des europ\u00e4ischen Projekts zusammen und werden in gewisser Weise durch diese auch stimuliert. Umgekehrt fallen Zeiten der Desillusionierung gegen\u00fcber Europa und des Vorherrschens antieurop\u00e4ischer Kr\u00e4fte in Russland mit Zeiten der Krise, der Instabilit\u00e4t und der Z\u00f6gerlichkeit in Europa selbst zusammen. Es war kein Zufall, dass in der Sowjetunion die zielstrebige Errichtung einer totalit\u00e4ren Alternative zum europ\u00e4ischen Projekt begann, als Europa im 20. Jahrhundert in eine \u00c4ra brutaler Kriege, instabiler Republiken und des an deren Stelle getretenen rechten Nationalismus st\u00fcrzte. Als umgekehrt Europa einen nachhaltigen Wachstumspfad erreichte, den Zugang der B\u00fcrger zu den Vorteilen dieses Wachstums durch die Schaffung einer Massenkonsumgesellschaft demokratisierte und einen Durchbruch bei der europ\u00e4ischen Integration erzielte, l\u00f6ste das die Krise und schlie\u00dflich den Zusammenbruch des totalit\u00e4ren antieurop\u00e4ischen Imperiums im Osten aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Diese Verflechtung ist ein weiterer Grund, warum wir sagen k\u00f6nnen, dass sowohl die russische als auch die ukrainische Geschichte der letzten Jahrhunderte in gewisser Weise ein Teil der europ\u00e4ischen Geschichte sind. Die Schw\u00e4chung der soft power Europas tr\u00e4gt zur Konsolidierung eines antieurop\u00e4ischen Revanchismus an der europ\u00e4ischen Peripherie bei und umgekehrt. Es liegt auf der Hand, dass das europ\u00e4ische Projekt heute sowohl von au\u00dfen als auch von innen angegriffen wird; seine soft power schwindet und seine Sicherheit l\u00e4sst nach.<\/span><\/p>\n<p><strong>9.<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Heute \u2013 vor dem Hintergrund der Schrecken der russischen Aggression \u2013 ist es sehr schwierig, Russlands Advokat zu sein. Es geht mir nicht darum, die Russen in irgendeiner Weise freizusprechen, sondern vielmehr darum, zu betonen und zu zeigen, dass dieser Krieg gegen die Ukraine und deren proeurop\u00e4ische Entscheidung eine Art Fortsetzung und Externalisierung des Kampfes innerhalb Russlands selbst in dieser Frage ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wie ich oben erkl\u00e4rt habe, stellen der Erfolg der Ukraine und die Niederlage Russlands eine Chance und Hoffnung f\u00fcr Russland dar. Aber es sieht so aus \u2013 und das letzte Jahr lieferte neue Beweise daf\u00fcr \u2013, dass dieser w\u00fcnschenswerte Ausgang vermutlich nicht das Ergebnis eines rein ukrainischen Sieges auf dem Schlachtfeld sein wird; wahrscheinlich wird es eher das Ergebnis der milit\u00e4rischen St\u00e4rke der Ukraine und der gleichzeitigen Schw\u00e4chung von Putins Regime sein, das hei\u00dft das Ergebnis der Ablehnung dieses ungerechten Krieges in Russland selbst.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Deshalb ist Widerstand so wichtig. Die Sichtweise, Russland sei von Natur aus \u00bborganisch\u00ab antiwestlich, spiegelt nur Putins Vorstellung von einer grunds\u00e4tzlichen und organischen Feindschaft des Westens gegen\u00fcber Russland wider. Die Betrachtung Russlands als Imperium des B\u00f6sen und die Ansicht, das liberale und proeurop\u00e4ische Projekts sei in Russlands Geschichte endg\u00fcltig gescheitert, sowie die radikale mentale Abtrennung Russlands von Europa \u2013 all das vermittelt den Kriegsgegnern und proeurop\u00e4ischen Kr\u00e4ften in Russland das Gef\u00fchl, eine hilflose Minderheit zu sein. Putins Projekt der radikalen Entwestlichung Russlands wird dadurch nur verst\u00e4rkt und bef\u00f6rdert.<\/span><\/p>\n<p><em>Text des Er\u00f6ffnungsvortrages der\u00a0<a href=\"https:\/\/login.websitekit.at\/media\/alte-schmiede\/1697458299-alteschmiede-lih23-folder-web-ges-pdf.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" data-saferedirecturl=\"https:\/\/www.google.com\/url?q=https:\/\/login.websitekit.at\/media\/alte-schmiede\/1697458299-alteschmiede-lih23-folder-web-ges-pdf.pdf&amp;source=gmail&amp;ust=1709623819261000&amp;usg=AOvVaw15D5LFJZ7i549gPpcfjsBY\">Literatur im Herbst<\/a>\u00a0Festival 2023.\u00a0<\/em><\/p>\n<\/p><\/div>\n<p>[ad_2]<br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/www.eurozine.com\/russlands-zukunft-und-der-krieg\/?utm_source=rss&#038;utm_medium=rss&#038;utm_campaign=russlands-zukunft-und-der-krieg\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[ad_1] I. Wenn wir heute \u00fcber die Zukunft Russlands sprechen, ist das in gewissem Sinne wie ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Leben nach dem Tod. Russland<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":210060,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"_uf_show_specific_survey":0,"_uf_disable_surveys":false,"footnotes":""},"categories":[154],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/210059"}],"collection":[{"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=210059"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/210059\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":340352,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/210059\/revisions\/340352"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/210060"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=210059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=210059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=210059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}