{"id":206785,"date":"2024-02-22T19:50:54","date_gmt":"2024-02-22T19:50:54","guid":{"rendered":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/2024\/02\/22\/plotzlich-unternehmer-eurozine\/"},"modified":"2025-06-25T17:21:45","modified_gmt":"2025-06-25T17:21:45","slug":"plotzlich-unternehmer-eurozine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/2024\/02\/22\/plotzlich-unternehmer-eurozine\/","title":{"rendered":"Pl\u00f6tzlich Unternehmer | Eurozine"},"content":{"rendered":"<p> [ad_1]<br \/>\n<\/p>\n<div id=\"main-text\">\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Als das sklerotische politische und wirtschaftliche System der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im November 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer zusammenbrach, f\u00fchrte die Umstellung der Wirtschaft auf das marktwirtschaftliche System der Bundesrepublik Deutschland zu beispiellosen Verwerfungen auf allen Ebenen der Gesellschaft und der Volkswirtschaft. Nur wenige Monate zuvor, im August 1989, hatte der damalige Generalsekret\u00e4r der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Erich Honecker, den ersten in der DDR hergestellten 32-Bit-CPU-Computerchip vorgestellt und optimistisch erkl\u00e4rt, dass \u201ader Lauf des Sozialismus weder von Ochs noch Esel aufgehalten werden kann\u2018. Doch weder Honecker noch der 32-Bit-Chip hatten eine lange Zukunft vor sich: Honecker, dessen erzwungener R\u00fccktritt im Oktober 1989 das Ende des \u201areal existierenden Sozialismus\u2018 beschleunigte, starb 1994; der 32-Bit-Chip fand nicht einmal den Weg in die Serienproduktion.<\/span><\/p>\n<h2>Zusammenbruch der Volkswirtschaft<\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die beschleunigte Entwicklung von Computerchips, Halbleitern und weiteren mikroelektronischen Komponenten in der DDR begann Ende der 1970er Jahre. Das Zentralkomitee der SED beschloss, massiv in die Entwicklung und Produktion von Mikroelektronik zu investieren, um den industriellen Sektor der Planwirtschaft zu modernisieren. Mit diesem sehr ehrgeizigen Programm wurde versucht, die Produktivit\u00e4tsl\u00fccke nicht nur im Elektroniksektor, sondern auch in anderen Industriezweigen zu schlie\u00dfen. Es zielte darauf ab, die Produktionstechnologie zu einer Zeit zu verbessern, als die Mikroelektronik bereits die amerikanische und westeurop\u00e4ische Wirtschaft ankurbelte. Das Ziel der politischen Elite der DDR schien vern\u00fcnftig, denn die Volkswirtschaft der DDR litt unter einem Mangel an Arbeitskr\u00e4ften und h\u00e4ufig unter veralteten Maschinen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Es w\u00e4re wesentlich billiger gewesen, diese Technologie zu importieren, als eine vollst\u00e4ndige Entwicklung zu beginnen. Aufgrund eines 1950 von den USA initiierten Technologieembargos des CoCOM (Coordinating Committee for Multilateral Export Controls) hatten die DDR und andere Mitgliedsstaaten des Comecon (Council for Mutual Economic Assistance) jedoch keinen Zugang zu hochwertigen Computerchips. Eine kostspielige Eigenentwicklung war die einzige M\u00f6glichkeit, sich diese Art von Technologie zu beschaffen. Trotz enormer finanzieller Investitionen gelang es der DDR nie, den Weltmarktstandard zu erreichen. Im Jahr 1989, ein Jahrzehnt nach Beginn des Programms, lagen die St\u00fcckpreise der in der DDR produzierten Chips deutlich \u00fcber den Weltmarktpreisen: W\u00e4hrend ein 265KB-Chip in der DDR 534 Mark kostete, betrug der Weltmarktpreis eines vergleichbaren Chips nur 17 Mark. Der Marktanteil der DDR an der weltweiten Elektronikproduktion schrumpfte in den 1980er Jahren von 0,8 auf 0,4 %.<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"> Gerhard Sch\u00fcrer, Leiter der Staatlichen Plankommission, bezeichnete das Bestreben, 40-60 % des Weltmarktsortiments an Computerchips zu produzieren, als \u201akommerziellen Wahnsinn\u2018.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Solange die interne Nutzung und der gesch\u00fctzte Export in andere Comecon-Staaten m\u00f6glich war, schlug sich dieser kommerzielle Wahnsinn nicht in den Bilanzen nieder. Doch sobald Ostdeutschland im Zuge der Wiedervereinigung 1990 Teil der Bundesrepublik Deutschland (BRD) wurde, musste sich seine Volkswirtschaft \u00f6ffnen und wurde Teil des Europ\u00e4ischen Wirtschaftsraums (EWR). Pl\u00f6tzlich war sie Teil der Weltwirtschaft, ohne Schutzz\u00f6lle oder andere Ma\u00dfnahmen, die die Schockwellen des \u00dcbergangs von einer Plan- zu einer zunehmend deregulierten Marktwirtschaft h\u00e4tten mildern k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Und diese Schockwellen waren enorm. Die Transformation Ostdeutschlands und seiner Volkswirtschaft stellte einen bedeutenden Strukturbruch dar, der zu wesentlichen Konsequenzen auf allen Ebenen des Wirtschaftssystems f\u00fchrte. Die Deindustrialisierung hatte erhebliche Auswirkungen auf die Besch\u00e4ftigung: 3.300.000 Industriearbeitspl\u00e4tze schrumpften bis 1994 auf nur noch 660.000.<\/span> <span style=\"font-weight: 400;\">Die Gesamtbesch\u00e4ftigung in Ostdeutschland sank von fast 10 auf 6,5 Millionen (1989-1992), und die registrierte Arbeitslosenquote schnellte von Null auf 20 % hoch. Ehemals lebenslange Arbeitspl\u00e4tze wurden pl\u00f6tzlich unsicher, und Ende 1992 arbeitete nur noch jede(r) zweite Ostdeutsche in demselben Unternehmen wie vor 1989.<\/span><\/p>\n<h2>Zusammenbruch von Unternehmen<\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ein klares Bild von der Dimension dieses Transformationsprozesses ergibt sich, wenn man die Betriebe und ihre Besch\u00e4ftigten betrachtet. Ein sehr anschaulicher Fall ist das ehemalige VEB Werk f\u00fcr Fernsehelektronik (WF) in Ost-Berlin. <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Als Teil des riesigen DDR-Kombinats Mikroelektronik Erfurt produzierte das WF verschiedene Typen von Vakuum- und Elektronenr\u00f6hren, Halbleiterteile und weitere mikroelektronische Komponenten. Im Jahr 1989 war es der gr\u00f6\u00dfte Industriebetrieb in Ost-Berlin. 1990 wurde das WF in eine GmbH umgewandelt, die vollst\u00e4ndig im Besitz der Treuhandanstalt war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nur wenige Monate nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor der formellen Wiedervereinigung im Oktober 1990 wurden mehrere Tausend Besch\u00e4ftigte entlassen; das WF hatte seinen Marktanteil in Osteuropa an neue Wettbewerber auf dem offenen globalen Elektronikmarkt verloren. Die Mengen pro Produkt, die das WF in der Comecon-\u00c4ra produziert hatte, waren auf dem Weltmarkt preislich nicht wettbewerbsf\u00e4hig. Bis 1992 wurde die Zahl der Besch\u00e4ftigten um fast 90 % reduziert: von etwa 9.000 auf rund 1.000. Die meisten Teile des WF wurden stillgelegt. Nur die Farbbildr\u00f6hrenproduktion blieb als gr\u00f6\u00dfere Einheit erhalten, weil sie mit Hilfe hoher Subventionen an Samsung verkauft wurde. Der koreanische Gro\u00dfkonzern produzierte diese R\u00f6hren in Berlin noch bis 2005, als die Technologie durch LCD- und Plasmabildschirme abgel\u00f6st wurde. Anstatt gro\u00dfe Summen in die Entwicklung neuer Ger\u00e4te in Berlin zu investieren, verlagerte Samsung die Produktion von Fernsehger\u00e4ten in Europa nach Ungarn und profitierte von den niedrigeren Lohnkosten.<\/span><\/p>\n<h2>Zusammenbruch der Situation der Arbeitnehmenden<\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Diese Massenentlassungen brachten enorme Schwierigkeiten f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten von WF mit sich, die bis zu diesem Zeitpunkt sehr stabile Arbeitspl\u00e4tze in einem gro\u00dfen Unternehmen hatten, das die Mitarbeitenden rundum versorgte. Vor dem Zusammenbruch der Volkswirtschaft hatten sie damit gerechnet, bis zu ihrer Pensionierung in diesen sicheren Positionen zu bleiben. Die Verfassung der DDR sah ein Recht auf Arbeit vor, und der Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften war hoch, teils wegen der st\u00e4ndigen Abwanderung von Arbeitskr\u00e4ften in den Westen, teils wegen der ineffizienten, arbeitsintensiven Produktionstechnik. Die DDR-Betriebe garantierten lebenslange Karrieren und boten zus\u00e4tzliche, gesellschaftlich erw\u00fcnschte, aber f\u00fcr die Existenz des Unternehmens nicht notwendige Leistungen wie Wohnraum f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten, Kinderbetreuung, Gesundheitsf\u00fcrsorge und andere \u00f6ffentliche Dienstleistungen. Sobald jedoch die neuen privaten Eigent\u00fcmer*innen begannen, die Aufgaben des Unternehmens und die Zahl der Besch\u00e4ftigten auf das rentabelste Ma\u00df zu reduzieren, erlebten die WF-Besch\u00e4ftigten, was es in der ehemaligen DDR nicht gegeben hatte: Arbeitslosigkeit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Entlassenen waren von heute auf morgen gezwungen, \u201aihre Arbeitskraft als Ware auf den Markt zu bringen\u2018.<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"> Der entstandene Arbeitsmarkt hatte jedoch nur eine sehr begrenzte Aufnahmekapazit\u00e4t, denn eine gro\u00dfe Zahl ostdeutscher Unternehmen hatte unter Massenentlassungen zu leiden. In Berlin wuchs die Zahl der gemeldeten Arbeitssuchenden in nur zwei Jahren (1991) von 0 auf 196.100 und stieg bis 2004 auf 383.200 an.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_30550\" style=\"width: 768px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-30550\" class=\"wp-image-30550 size-full\" src=\"https:\/\/www.eurozine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bundesarchiv_Bild_183-K0421-0008-001_VEB_Werk_fur_Fernsehelektronik_Brigade.jpg\" alt=\"\" width=\"758\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/www.eurozine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bundesarchiv_Bild_183-K0421-0008-001_VEB_Werk_fur_Fernsehelektronik_Brigade.jpg 758w, https:\/\/www.eurozine.com\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Bundesarchiv_Bild_183-K0421-0008-001_VEB_Werk_fur_Fernsehelektronik_Brigade-300x150.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 758px) 100vw, 758px\"\/><\/p>\n<p id=\"caption-attachment-30550\" class=\"wp-caption-text\">Besch\u00e4ftigte des VEB Werks f\u00fcr Fernsehelektronik, 1971. Bild aus dem Deutschen Bundesarchiv via <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bundesarchiv_Bild_183-K0421-0008-001,_VEB_Werk_f%C3%BCr_Fernsehelektronik,_Brigade.jpg\">Wikimedia Commons<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Angesichts dieses angespannten Arbeitsmarktes ist es sehr verst\u00e4ndlich, dass viele \u00e4ltere WF-Mitarbeitende, wann immer m\u00f6glich, von Vorruhestandsangeboten Gebrauch machten. F\u00fcr j\u00fcngere, gut ausgebildete, m\u00e4nnliche Arbeitnehmer er\u00f6ffneten sich bestimmte Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten. Schwieriger gestaltete sich der Arbeitsmarkt f\u00fcr die mittlere Altersgruppe, die zu jung f\u00fcr den Vorruhestand, aber oft zu alt f\u00fcr die wenigen verbleibenden Arbeitspl\u00e4tze war. Frauen waren besonders stark betroffen. Samsung beispielsweise suchte 1993 in einem Stellenangebot in der Berliner Zeitung \u201am\u00e4nnliche Arbeitskr\u00e4fte bis 35 Jahre \u2026 zum sofortigen Eintritt\u2018.<\/span><\/p>\n<h2>Crashkurse in Marktwirtschaft<\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr eine kleine Anzahl ehemaliger WF-Ingenieur*innen schien die Gr\u00fcndung eines eigenen Unternehmens eine vielversprechendere Option zu sein als die Arbeitslosigkeit, auch wenn dies eher ein letzter Ausweg war als eine Gelegenheit, von der sie getr\u00e4umt hatten. In k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrten qualitativen Interviews gaben sie an, dass ihr Hauptziel eher darin bestand, \u201adie Forschung am Laufen zu halten und das in ihren WF-Abteilungen entwickelte Know-how zu nutzen\u2018, als reiche und erfolgreiche Gesch\u00e4ftsleute zu werden. Diese ehemaligen Abteilungsleiter*innen f\u00fchlten sich auch daf\u00fcr verantwortlich, dass ihre Mitarbeitenden weiter arbeiten konnten. In einem dieser Unternehmensprojekte hatten 7 von 10 Gr\u00fcndungsmitgliedern, ehemalige WF-Mitarbeitende, Ehepartner*innen, die bei der Gr\u00fcndung des Unternehmens im Jahr 1990 ebenfalls von pl\u00f6tzlicher Arbeitslosigkeit betroffen waren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Abgesehen von dem einen gro\u00dfen Privatisierungsgesch\u00e4ft mit Samsung wurden im Rahmen von mehr als einem Dutzend Management-Buy-Out-Initiativen kleine Unternehmen mit anf\u00e4nglich 5 bis 40 Besch\u00e4ftigten gegr\u00fcndet, von denen einige noch heute im Gesch\u00e4ft sind. Silicon Sensor, eines dieser neuen Unternehmen, schaffte 1999 sogar den B\u00f6rsengang in Frankfurt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Diese unternehmerischen Erfolge sind nicht selbstverst\u00e4ndlich, wenn man bedenkt, mit welchen Startbedingungen diese WF-Ingenieur*innen und Wissenschaftler*innen 1990 zu k\u00e4mpfen hatten. Erstens besa\u00dfen sie kein nennenswertes privates Kapital, das sie in ihre Gesch\u00e4ftsprojekte investieren konnten. Die Anh\u00e4ufung von privatem Kapital war kein wichtiges Ziel, da die M\u00f6glichkeiten, es zu nutzen, sehr begrenzt waren. Stattdessen verlie\u00dfen sie sich fast ausschlie\u00dflich auf Bankkredite und \u00f6ffentliche Subventionen. Diese Kredite waren schwer zu bekommen, da die Banken vorsichtig waren, wenn es darum ging, Menschen ohne Erfahrung in der Marktwirtschaft Geld zu leihen. Und die \u00f6ffentlichen Zusch\u00fcsse waren h\u00e4ufig an eine zus\u00e4tzliche Finanzierung durch die Banken gebunden. So mussten diese Unternehmer*innen notgedrungen jeden Finanzierungspartner davon \u00fcberzeugen, dass die anderen bereits an Bord waren, auch wenn das oft noch nicht der Fall war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zweitens waren zu Beginn keine Anlagen, Maschinen oder Gewerbeimmobilien vorhanden. Zwar konnten die verbliebenen WF-Geb\u00e4ude zun\u00e4chst f\u00fcr 1-3 Jahre angemietet werden, doch war dies keine Erleichterung, da die Banken in der Regel langfristige Mietvertr\u00e4ge verlangten, bevor sie Investitionskredite gew\u00e4hrten. Die Ausr\u00fcstung wurde meist direkt aus WF-Restbest\u00e4nden gebraucht gekauft oder improvisiert. Ein Projekt beispielsweise baute seine Reinraumstrukturen zum Teil aus IKEA-K\u00fcchenm\u00f6beln, Jahrzehnte bevor der schwedische M\u00f6belh\u00e4ndler Unternehmen als wichtige Kundengruppe entdeckte. Das in der sozialistischen Mangelwirtschaft der DDR erworbene Talent, aus wenig das Beste zu machen, gepaart mit einer Do-it-yourself-Mentalit\u00e4t und einem bescheidenen Lebensstil, half bei der Unternehmensgr\u00fcndung unter widrigen Bedingungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die neuen Unternehmer*innen mussten auch lernen, wie in einer kapitalistischen Marktgesellschaft Gesch\u00e4fte gemacht werden. Sie mussten schnell einen \u201awirtschaftlichen Habitus\u2018 entwickeln, <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">denn 30 Jahre Leben in einem \u201asowjetischen\u2018 Regime hatten Spuren in Form von Dispositionen, mentalen Gewohnheiten und Interessen hinterlassen.<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Der franz\u00f6sische Soziologe Pierre Bourdieu beschrieb in seinen Studien \u00fcber die Kabylei in Algerien in den 1960er Jahren eine \u201aDiskrepanz zwischen den wirtschaftlichen Dispositionen, die in einer vorkapitalistischen Wirtschaft entwickelt wurden, und dem wirtschaftlichen Kosmos, der durch die Kolonisierung importiert und aufgezwungen wurde, oft auf brutalste Weise.\u2018\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">Nicht umsonst wurde die Integration Ostdeutschlands in die Strukturen Westdeutschlands von mehreren Autoren als eine Form der \u201aKolonisierung\u2018 <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">oder \u201afreundlichen \u00dcbernahme\u201a\u2018<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">bezeichnet, da die rechtlichen und wirtschaftlichen Regeln und Normen der Bundesrepublik Deutschland mehr oder weniger unver\u00e4ndert auf das erweiterte Gebiet \u00fcbertragen wurden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ehemalige WF-Besch\u00e4ftigte erlebten das, was Bourdieu in seinen sp\u00e4teren Schriften als \u201aHysterese\u2018 bezeichnete: eine Fehlanpassung, die durch die Tendenz zur Persistenz des Habitus und ein sich rasch ver\u00e4nderndes Feld verursacht wird. Der Habitus, der sich \u00fcber Jahrzehnte entwickelt hatte und perfekt in das Feld eines gro\u00dfen staatlichen Unternehmens in der DDR passte, verlor seine F\u00e4higkeit, viele Aspekte des Lebens nach 1989 unbewusst zu bew\u00e4ltigen. Die Situation glich der von Eingewanderten in einem neuen Land, mit dem bedeutenden Unterschied, dass die WF-Mitarbeiter*innen sich nicht daf\u00fcr entschieden, ihren Herkunftsort zu verlassen. Ostdeutsche wurden zu \u201aEingewanderten im eigenen Land\u2018 und erlebten einen \u201aungeplanten Wechsel des Staatsb\u00fcrgerschaftsstatus\u2018, ohne viel Zeit f\u00fcr die notwendige pers\u00f6nliche Planung und Vorbereitung zu haben. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die befragten Unternehmer*innen berichteten, dass sie keine Vorkenntnisse \u00fcber Marketing und Verkauf hatten und sich schnell ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ein bestimmtes Gesch\u00e4ftsverhalten aneignen mussten. Sie mussten lernen, dass es bei Treffen mit potenziellen Kund*innen oder Gl\u00e4ubiger*innen auf elegante Anz\u00fcge und prestigetr\u00e4chtige Autos ankommt. Gute Produktqualit\u00e4t allein reichte nicht mehr aus, um die Auftragsb\u00fccher zu f\u00fcllen. Ein Unternehmer, der promovierter Physiker war, erz\u00e4hlte, dass er sich drei betriebswirtschaftliche Lehrb\u00fccher kaufte und abends las, um sich nach den technischen Aufgaben des Tages das notwendige Wissen \u00fcber Kostenrechnung und Kalkulation anzueignen. Aber die Mentalit\u00e4t der Westdeutschen blieb ihm ein gr\u00f6\u00dferes R\u00e4tsel:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201aIch konnte die Wessis nicht verstehen. Betriebswirtschaft kann man lernen, das ist nicht das Problem. Aber Verkauf \u2013 etwas von Ingenieur zu Ingenieur zu erkl\u00e4ren, war okay, aber mit Wirtschaftswissenschaftler*innen zu sprechen und wie man verkauft und so weiter, das war ein Problem\u2018 (Interview G1, Abs. 40; \u00dcbersetzung durch den Autor).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ein anderer Unternehmer, der einen Abschluss in Informatik hat und eine WF-Abteilung mit mehr als 100 Mitarbeitenden leitete, \u00e4u\u00dferte \u00e4hnliche Schwierigkeiten:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201a1990 begannen wir, mit Wiederverk\u00e4ufer*innen zu sprechen und erkl\u00e4rten ihnen die Sensoren, die wir herstellen wollten. Das war einer der ersten Schritte, die wir unternahmen, um eine Vorstellung von den Mechanismen zu bekommen. Sie m\u00fcssen sich vorstellen, dass wir die Marktwirtschaft nicht aus eigener Erfahrung kannten. Wir kamen ja auch nicht aus dem Nirgendwo. Wir konnten die Fachliteratur lesen. Aber der praktische Teil des Handels, davon hatten wir keine Ahnung. Preisbildung, Buchf\u00fchrung, Rechnungswesen und so weiter.\u2018 (Interview G2, Abs. 60, \u00dcbersetzung durch den Autor)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ostdeutsche mussten schnell die Regeln und Normen der westdeutschen Marktwirtschaft und Marktgesellschaft erlernen, wenn sie ihre berufliche Laufbahn fortsetzen oder kommerzielle Projekte starten wollten. Wirtschaftliche Dispositionen m\u00fcssen in ihrem historischen Kontext gesehen werden, da jede Wirtschaftsperiode oder jedes Umfeld auf anderen Prinzipien beruht.<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">\u00a0Es muss ein Spielgef\u00fchl f\u00fcr das neue Spielfeld entwickelt werden. Die Ostdeutschen mussten \u201aden Markt\u2018 lernen und den Habitus des homo oeconomicus \u2013 des stets kalkulierenden Menschen \u2013 verinnerlichen. Diese Anpassung war aufgrund der raschen deutschen Wiedervereinigung nicht vorhersehbar und musste ohne Verz\u00f6gerung und Lernphase vollzogen werden: Zwischen dem Fall der Berliner Mauer (9. November 1989) und dem Einigungsvertrag (3. Oktober 1990) war nicht einmal ein Jahr vergangen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"font-weight: 400;\">Dieser Artikel wurde im Rahmen des Jugendprojekts <\/span><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eVom Wissen der Jungen. Wissenschaftskommunikation mit jungen Erwachsenen in Kriegszeiten\u201c ver\u00f6ffentlicht, gef\u00f6rdert von der Kulturabteilung der Stadt Wien<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">.<\/span><\/em><\/p>\n<\/p><\/div>\n<p>[ad_2]<br \/>\n<br \/><a href=\"https:\/\/www.eurozine.com\/plotzlich-unternehmer\/?utm_source=rss&#038;utm_medium=rss&#038;utm_campaign=plotzlich-unternehmer\">Source link <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[ad_1] Als das sklerotische politische und wirtschaftliche System der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im November 1989 nach dem Fall der Berliner Mauer zusammenbrach, f\u00fchrte die<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":206786,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"_uf_show_specific_survey":0,"_uf_disable_surveys":false,"footnotes":""},"categories":[154],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/206785"}],"collection":[{"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=206785"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/206785\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":343319,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/206785\/revisions\/343319"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/206786"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=206785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=206785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michigandigitalnews.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=206785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}